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Hamburg 03/04


Seit dem Beginn dieses Schuljahres habe ich selten so schöne Tage erlebt habe wie die in Hamburg letzte Woche. Auch wenn es ein wenig gedauert hat, bis ich mich an all das gewöhnt hatte. Im Zug zu sitzen hatte viel von dem "Mission unspoken, destination unknown"-Feeling, das ich hatte, als ich das erste Mal nach Taizé gefahren bin. Als ich dann im Restaurant Lübeck angekommen war, wurde ich gleich von zwei Mädchen begrüßt, mit denen ich im Sommer in Madras war, danach habe ich mich dann gleich schon viel besser gefühlt.

Ich habe an Weihnachten mit unserer Pfarrerin zusammen in einem Gottesdienst ein Lied gesungen. Als ich ihr zugesagt hatte dass ich da mitmache, wusste ich nicht, dass ich da mit ihr alleine stehen würde, in einem Weihnachtsgottesdienst, vor der ganzen Gemeinde, und ehrlich gesagt machte mir der Gedanke dann doch ein wenig Angst. Ich habe mich dabei genauso Gefühlt, wie als ich in Taizé das erste Mal beim First Welcome geholfen habe. Im Grunde hatte ich solch eine Angst, mich vor eine Gruppe von Leuten zu stellen und ihnen etwas zu erzählen. Ich hatte Angst, aber ich hatte keine Möglichkeit mehr da rauszukommen, also habe ich es trotzdem gemacht und war am Abend so stolz, dass ich das im Prinzip doch ganz gut hinbekommen habe. Vor dem Singen hatte ich genauso viel Angst und es hat schließlich dann doch ganz gut geklappt, ich weiß aber nicht, ob ich mich für eine der beiden Sachen noch mal entscheiden würde.
Als ich in Hamburg ankam und meine Arbeiten für die Woche bekam, stand da Welcome of Animators und First Welcome auf dem Zettel... Das war so ziemlich das Schlimmste, was mir passieren konnte. Ich war mir ein wenig unsicher bei dem was ich da tat und ich weiß nicht, ob das da wirklich gut gemacht habe, aber ich war hinterher doch froh, dass mich jemand gezwungen hat, über meinen eigenen Schatten zu springen, dass jemand sein Vertrauen in mich gesetzt hatte, auch wenn der Mensch, der festgelegt hatte, dass ich First Welcome mache, mich vorher wohl noch nie gesehen hatte. Und ich habe es auch mal versucht von der Seite zu sehen, dass an dem Abend wirklich alle wussten, wo sie schlafen würden und einige davon ihre Unterkunft in "meinem" Raum bekommen hatten.

Vor ein paar Wochen habe ich jemanden sagen hören, dass es nicht immer schlimm sein müsse, wenn in unserem Leben nicht immer alles perfekt ist, wenn wir "nur" durchschnittlich mit uns und unseren Mitmenschen zufrieden sind, da sich in solchen Momenten unser Verlangen nach Gott vertiefen könne und wir in seiner Gegenwart verweilen und neue Kraft schöpfen können. Ich glaube, dass hat mir für die letzten Woche in der Schule sehr geholfen, da ich mich nicht nur an den Fehlern des ganzen Systems störte, sondern auch mit meiner eigenen Durchschnittlichkeit nur wenig zurecht kam. Auch in Hamburg musste ich oft an diesen Satz denken. Am Anfang war das nicht alles so, wie ich mir das vorgestellt hatte (sofern ich überhaupt eine Vorstellung von irgendetwas hatte), während der Gebete war es entweder kalt oder unruhig, ich war müde, hatte Hunger, Fieber, Kopfschmerzen oder habe gefroren, aber es gelang mir, mit dem was ich hatte, zufrieden, ja eigentlich sehr glücklich zu sein. Mit der Zeit wurde ich auch mehr und mehr davon überwältigt, wie viele Leute nur für dieses Treffen nach Hamburg gekommen sind und wie es immer mehr wurden. Egal wo man war, man hat immer jemanden ein gebrochenes English oder eine andere Sprache sprechen hören und man fühlte sich mit diesen Leute auf eine einzigartige Weise verbunden. Es dauerte ein paar Tage, bis ich all dies genießen konnte, aber ich habe gemerkt, dass ich einen Teil, sei er auch nur winzig klein, dazu beitragen konnte, dass dieses Treffen gelingt und die Leute sich dort wohl fühlen.

Ich denke, als Deutscher tut man sich oft schwer, Ausländern ohne Vorurteile gegenüber zu treten, da sich in unsrer Gesellschaft stereotypische Vorstellungen verschiedener Gruppen ziemlich festgefahren haben. Wenn bei uns Spargelernte ist, heißt es, steige die Zahl der Fahrraddiebstähle stark an, was an den ganzen Polen liege, die zur Ernte kommen. Oder an den anderen, die es den Polen zuschieben. Es kamen so viele Polen nach Hamburg und es machte keinen Unterschied, ob die Leute aus Polen, Rumänien, Litauen, Frankreich oder Deutschland kamen, man lernte sich kennen und merkte, dass in jedem einzelnen ein ganz besonderer Mensch steckt, der nicht selten mit Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit überraschte. Viele Leute haben große Bedenken, dass eine Reihe von osteuropäischen Staaten der EU beitreten werden, doch als ich all diese jungen Leute gesehen habe, wollte ich, dass sie jeder hier kennen lernt, dass sie merken, dass mit Polen nicht nur Autodiebe in die EU kommen, dass jeder diese Menschen, die ich sehr lieb gewonnen habe, bei uns willkommen heißt.

Hier zu Hause haben wir oft darüber diskutiert, ob man die Treffen mit dem "richtigen" Taizé vergleichen kann und ich finde, wenn man nach Taizé fährt, setzt man sich für sechs Stunden in einen Bus und steigt an einem Ort aus, der einem, naja, nicht fern ab, aber doch etwas weiter von der Zivilisation entfernt scheint, als das, was man sonst gewohnt ist. Taizé ist auf eine Weise sehr isoliert, denn ich treffe dort eigentlich nur Menschen, die aus dem selben oder ähnlichen Gründen dort sind wie ich und es kommt mir so komplett verschieden vor wie das, was ich von zu Hause kenne. Auf der einen Seite ist man so auf dem doch relativ abgeschiedenen Hügel recht ungestört, doch ich glaube, in Hamburg zu sein, hieß auch auf Menschen zu treffen, die dort einfach ihren Alltag lebten und zu versuchen, sie etwas von dem Geist dieses Treffens spüren zu lassen und ihnen etwas von der Freude, der Freundlichkeit und Herzlichkeit und des Vertrauens, das man dort erfahren hat, weiterzugeben.
Was ein bisschen weh tat, war zu sehen, wie all das, was durch viel Arbeit und Mühe die ganze Zeit aufgebaut wurde, in nur einer Nacht aus den Messehallen wieder verschwand. Man würde nicht mehr dorthin zurückkommen können, und es alles so vor finden, wie es war. Wir hatten drei Tage in der Silence Hall gearbeitet. Dort fühlte man sich ein wenig entfernt von all dem Trubel, den man sonst um sich rum hatte. Es war in gewisser Weise ein besonderer Raum mit einer ganz eigenen ruhigen, friedlichen Stimmung. Als wir Donnerstagabend zum Abbauen dort hinkamen, war daraus schon fast wieder eine normale Messehalle geworden. Was wir dort hatten schien auf ein Mal zerstört und man spürte richtig, wie das alles zu Ende ging.

Sehr berührt hat mich das letzte Gebet am Freitagmorgen. Überall waren die ganzen Dekorationen schon abgebaut und außer den Leuten hat in den Hallen eigentlich nichts mehr an das Treffen erinnert, was schon ein sehr seltsames Gefühl war. An eine kleine Stellwand wurde ein Poster mit der Kreuzikone geklebt, davor standen auf zwei roten Plastikkisten eine Blume und ein paar Kerzen. Wir hatten keine Lautsprecher und Mikrofone, keinen Chor und keine Begleitung, aber all das war auch gar nicht nötig. Die Lieder erklangen schöner, als ich sie je zuvor in der Woche gehört hatte. Am Ende bedankte sich einer der Brüder für unsere Mithilfe und sagte einen Satz, den ich während der Zeit sehr oft gehört hatte - Gemeinschaft sei keine Theorie, sondern Leben. Als wir dann weitersagen, hatte ich das Gefühl, also ob wir alle versucht hätten, diese Gemeinschaft dort zu leben. Ich fing an zu weinen, denn ich fühlte eine unglaubliche Verbundenheit zu all diesen Menschen, von denen ich so viele gar nicht kannte, die doch eigentlich alle so unterschiedlich waren. Das war einer der schönsten und bewegendsten Momente, die ich seit langem erlebt habe.













2006 by Schrati - Last update: 4/10/06
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